Werkerführung und BDE am Terminal

Operator Experience: Der unterschätzte Produktivitätsfaktor im MES

Von Martin Thorn · · 4 Min. Lesezeit

Usability wird im MES-Kontext oft als Komfortfrage behandelt: schön, wenn eine Oberfläche angenehm zu bedienen ist, aber kein Thema, das man priorisieren muss. Diese Einordnung greift zu kurz. Eine schlecht bedienbare Oberfläche auf dem Shopfloor ist kein Komfortproblem, sondern ein Produktivitätsverlust.

Warum User Experience auf dem Shopfloor nicht reicht

Aus der Business-Software kennen wir den Begriff User Experience. Auf dem Shopfloor greift er zu kurz, denn die Anforderungen unterscheiden sich grundlegend: Zeitdruck statt Ruhe am Schreibtisch, Handschuhe statt Maus, Lärm statt konzentrierter Stille, ein Blick auf den Bildschirm statt durchgehender Aufmerksamkeit. Treffender ist deshalb Operator Experience, kurz OX: die Perspektive der Mitarbeitenden am Terminal auf die Software, mit der sie ihre Arbeit erledigen.

Ein Baustein davon lässt sich sogar messen — die Gebrauchstauglichkeit nach ISO 9241-11, definiert als Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit bei der Nutzung eines Systems im jeweiligen Kontext. OX ist damit kein Ersatz für etablierte Normen, sondern der Rahmen, der sie auf den Kontext am Terminal zuspitzt.

Drei Effekte, die sich am deutlichsten beobachten lassen

Schulungsaufwand und Einarbeitungszeit. Jede Oberfläche, die nicht selbsterklärend ist, muss durch Schulung kompensiert werden. Neue Mitarbeitende brauchen länger, bis sie produktiv sind, und bei jeder Änderung an Prozessen oder Aufträgen beginnt dieser Aufwand von vorn. Eine Oberfläche mit hoher Gebrauchstauglichkeit senkt genau diesen Aufwand, weil sie durch die Aufgabe führt, statt Wissen vorauszusetzen.

Fehlender Kontext zwingt zum Raten. Wenn eine Oberfläche nicht zeigt, welcher Wert in welcher Situation erwartet wird, bleibt nur, zu raten oder frühere Eingaben zu wiederholen. Rateentscheidungen erzeugen Fehleingaben, und Fehleingaben erzeugen Korrekturaufwand — oft erst deutlich später im Prozess, wenn die Ursache kaum noch nachvollziehbar ist. Kontextsensitive Führung, die nur die für den aktuellen Schritt relevanten Informationen und Eingabefelder zeigt, reduziert dieses Risiko strukturell. Das ist derselbe Grund, aus dem Werkerführung und BDE in einem Durchlauf laufen sollten.

Suchzeit und Klicktiefe. Jeder zusätzliche Klick, jede Navigation durch Menüs, die für den eigentlichen Arbeitsschritt nicht nötig wäre, kostet Zeit. Einzeln wirkt das vernachlässigbar, über einen Schichtbetrieb und viele Mitarbeitende summiert es sich zu einem relevanten Faktor. Eine Oberfläche, die den Kernprozess mit minimaler Klicktiefe umsetzt, spart genau diese Zeit ein, ohne dass eine einzige Funktion verändert werden müsste.

Vier Prinzipien aus unserem Redesign

Bei FLUX arbeiten wir das gerade sehr konkret durch: in einem laufenden Redesign unserer BDE-Oberfläche gemeinsam mit unseren Kunden. Die bisherige Oberfläche hat bei unseren Kunden bereits eine hohe Akzeptanz — das ist kein schlechter Ausgangspunkt. Trotzdem sehen wir Potenzial, sie durch die konsequente Anwendung von OX-Prinzipien noch zugänglicher zu machen. Wie wir dabei vorgehen, steht in BDE-Terminal-Redesign: Erst die Menschen, dann die Startpunkte, dann die Oberfläche.

Reduktion auf das Aufgabenrelevante: Die Oberfläche zeigt nur, was für den aktuellen Schritt gebraucht wird — keine Reizüberflutung durch Informationen, die gerade nicht relevant sind.

Aufgabenangemessenheit: Die Oberfläche wird konsequent daran gemessen, ob sie effektiv, effizient und mit möglichst wenig Frust durch die konkrete Aufgabe führt — nicht daran, wie viele Funktionen sie bietet.

Fehlertoleranz durch Gestaltung: Bedienfehler werden nicht durch Schulung vermieden, sondern durch eine Oberfläche, die Fehleingaben von vornherein erschwert oder abfängt.

Robuste Bedienbarkeit unter erschwerten Bedingungen: Kontrast, Lesbarkeit und Bedienbarkeit müssen auch mit Handschuhen, unter Zeitdruck oder bei schlechtem Licht funktionieren.

Diese Prinzipien stammen aus etablierten Ansätzen der Usability- und Accessibility-Praxis, angepasst auf die Realität des Shopfloors.

Für Entscheider: ein Test, der Bedienbarkeit messbar macht

Wer ein BDE-Terminal bewerten möchte, sollte über reine Funktionsvollständigkeit hinaus prüfen, wie sich die Oberfläche im Betrieb tatsächlich verhält. Lassen Sie eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter aus der Fertigung das Terminal anhand typischer Aufgaben aus dem Tagesgeschäft probebedienen — ohne vorherige Schulung und ohne Bedienungsanleitung. Erfassen Sie dabei drei Kennzahlen: die Zeit bis zur Erledigung jeder einzelnen Aufgabe, die Anzahl der Fehlbedienungen und Fehleingaben je Aufgabe und die Anzahl der Klicks bis zum Erreichen der für die Aufgabe wichtigen Funktion.

Diese Kennzahlen liefern eine erste Vergleichsbasis statt eines bloßen Eindrucks. So wird aus Operator Experience keine abstrakte Idee mehr, sondern ein messbarer Produktivitätsfaktor.

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Über Martin Thorn

Head of Product and Strategy, Co-Founder · FLUX Systems GmbH

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